Mann am programmieren

LowCode-Entwicklung heute: Chancen, Grenzen und Perspektiven

Wenn Entwicklungszeiten knapp sind und kein Entwicklerteam bereitsteht, kommt LowCode ins Spiel: ein Softwareentwicklungsparadigma, das auf visuelle Programmierung setzt.

Anstatt den Quellcode selbst zu schreiben, ermöglichen es Visual-Builder das Layout, Design und logische Prozesse schnell und effizient abzubilden. Die Idee dahinter? Entwicklungszeiten radikal verkürzen und Softwarebau für alle zugänglich machen – sogar für Nicht-Programmierer. Doch wie weit kann LowCode wirklich gehen, und wo liegen die Grenzen dieser Technologie?

Was kann LowCode wirklich? Ein Blick auf die Technik von heute

LowCode-Technogien werden oft mit beeindruckenden Versprechen beworben. Ein Bericht von Forrester-Research zeigt: Die Mehrheit der befragten Unternehmen gibt an, dass Projekte mit LowCode Development Plattformen (LCDPs) ihre Entwicklungszeiten um das 5–10-fache verkürzen konnten.1 Ein Beispiel aus der Praxis: Ein spanisches Versicherungsunternehmen hatte für die Entwicklung eines Web-Channels ursprünglich 2,7 Jahre eingeplant – und konnte den Prozess mit LowCode auf nur 13 Wochen reduzieren.

Trotz dieser Erfolge wächst die Verbreitung von LowCode eher stetig als explosionsartig. Ein häufig genannter Grund ist die mangelnde Skalierbarkeit für große, komplexe Projekte. Der Einsatz von LowCode ist derzeit vor allem für kleinere Anwendungen beliebt.2 Plattformen, die auch in groß angelegten oder geschäftskritischen Projekten zum Einsatz kommen können, sind noch selten. Technische Einschränkungen wie begrenzte Funktionalitäten und Probleme bei der Skalierung sind hier entscheidend. Beispielsweise sind die generierten Datenbankschemata oft nicht für große Datenmengen optimiert. Zudem verhindern monolithische Systemarchitekturen eine effiziente, horizontale Skalierung und sorgen bei hoher Nutzeranzahl für Probleme.

Dennoch gibt es auch positive Beispiele: Der größte Kunde von ClaySys betreibt Anwendungen, die 21.000 Callcenter-Agenten unterstützen.3 Ein großer portugiesischer Versicherer hat sogar sein komplettes Schadensmanagement-System auf der Plattform OutSystems aufgebaut und implementiert. Allerdings bieten die Plattformbetreiber in solchen Großprojekten häufig angepasste Lösungen an, um die speziellen Anforderungen zu erfüllen.

Code Qualität der Anwendung

Im Rahmen meiner Bachelorthesis habe ich die Code-Qualität des generierten Quellcodes einer Low-Code-Plattform untersucht.  Eine hohe Code-Qualität eröffnet spannende Möglichkeiten: So könnten hybride Entwicklungsmodelle Anwendungen zunächst in LowCode erstellen und später auf herkömmliche Weise weiterentwickeln. Alternativ lassen sich LowCode-Lösungen als Microservices oder Microfrontends in die bestehende Architektur integrieren.

Für die Untersuchung wählte ich Drafbit als Plattform aus, basierend auf der Qualität des generierten Codes. Eine Beispiel-Webanwendung, die typische Anforderungen wie CRUD-Operationen und dynamische Inhalte erfüllen sollte, wurde mit Drafbit entwickelt und der Code anschließend exportiert. Die Plattform ermöglicht es, eine lauffähige React-Native-Anwendung zu generieren, die als Webanwendung (PWA) auf eigenen Servern betrieben werden kann. Danach nahmen doubleSlash-Entwickler:innen eine eingehende Analyse des Codes vor:

Lesbarkeit: Die Variablen- und Funktionsnamen sind verständlich gewählt, jedoch wurde fehlende Modularität und häufige Code-Duplikation bemängelt.

Erweiterbarkeit: Die generierte Architektur bietet grundsätzlich Potenzial für Erweiterungen und Wiederverwendung. Jedoch wurden die Chancen zur Modularität nicht vollständig ausgeschöpft, was zukünftige Anpassungen erschwert.

Wartbarkeit: Die Codebasis folgt einer linearen Struktur, was kleine Änderungen einfach macht, aber langfristige Wartung durch die fehlende Modularität behindert.

Struktur: Die Ordnerstruktur ist übersichtlich, jedoch sind viele Dateien zu umfangreich und die Unterteilung der Komponenten mangelhaft.

LowCode: Turbo für kleine Projekte, Herausforderung für große?

LowCode Development Plattformen bieten aktuell vor allem für kleinere Projekte enorme Vorteile, da sie Entwicklungszeiten deutlich verkürzen. Einige Projekte zeigen jedoch, dass auch größere Vorhaben erfolgreich umgesetzt werden können – wenn auch unter speziellen Anpassungen und mit zusätzlichem Aufwand. Die Qualität des generierten Codes variiert je nach Plattform erheblich. In vielen Fällen ist der Quellcode verständlich und für kleine Änderungen gut nutzbar, aber eine umfangreiche Weiterentwicklung auf herkömmliche Weise gestaltet sich oft schwierig und zeitaufwändig.

LowCode hat das Potenzial, die Entwicklung grundlegend zu verändern, vor allem in Szenarien, in denen Schnelligkeit und Zugänglichkeit entscheidend sind. Die Frage bleibt: Kann LowCode in Zukunft auch den Anforderungen großer, komplexer Projekte standhalten?

Wer selbst einen Blick auf die generierte Code Basis werfen möchte, kann das Repo hier finden: https://github.com/ManuDouble/rent-a-tool

Manuel Auch

Über MICH

Manuel Auch hat Wirtschaftsinformatik und Digitale Medien in Stuttgart studiert. Als ehemaliger Software Entwickler hat er ein gutes technisches Verständnis und ist jetzt in verschiedenen Projekten als IT-Designer tätig. In der Vergangenheit hat er sich mit Requirements-Engineering, Process-Modelling und Technologien wie KI und LowCode beschäftigt.

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