Illustration einer Frau am Laptop vor einer Grafik mit dem Titel „architecture decisions in your software project“ und den Unterpunkten Context, Decision und Consequences.

IT-Architektur erfolgreich auswählen: Ein systematischer Leitfaden für dein Projekt

Die richtige IT-Architektur zu wählen ist keine Glückssache. Erfahre, wie du mit einem systematischen Prozess fundierte Architekturentscheidungen triffst – von der Anforderungsanalyse bis zur Dokumentation mit ADRs.

TL;DR

Gute Architekturentscheidungen entstehen nicht durch Trends, sondern durch einen strukturierten, nachvollziehbaren Prozess: Kontext/Anforderungen verstehen, Qualitätsziele priorisieren, Optionen kriterienbasiert vergleichen (inkl. Trade-offs/ATAM), Risiken via Prototyping prüfen und die Entscheidung mit ADRs dokumentieren. Architektur wird danach regelmäßig reviewed und bei geändertem Kontext angepasst.

Wie gute Architekturentscheidungen in komplexen Softwareprojekten entstehen

In dynamischen Märkten, in denen sich Anforderungen schnell ändern, und komplexen Systemen ist eine fundierte Architekturentscheidung im Softwareprojekt wichtiger denn je. Doch wie trifft man diese Entscheidung systematisch und durchdacht?

Sie gehört zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen in jedem Softwareprojekt und bestimmt:

  • Wie effizient Teams arbeiten können
  • Wie gut ein System skaliert
  • Wie einfach es langfristig weiterentwickelt und angepasst werden kann

Dieser Beitrag zeigt ein Vorgehen auf, das dabei unterstützt, Architekturentscheidungen bewusst, transparent und belastbar zu treffen – unabhängig davon, welches konkrete Architekturmuster später gewählt wird.

Warum das Verständnis von Anforderungen der erste Schritt ist

Jede Architekturwahl beginnt mit einem tiefen Verständnis des Projektkontexts. Dazu gehören:

  • Zweck und Geschäftsziele: Welche Probleme soll das System lösen? Welche Wertschöpfung ist zentral?
  • Funktionale Anforderungen: Welche Anwendungsfälle und Domänenbereiche sind wesentlich?
  • Last- und Nutzungsprofile: Wie viele Nutzer werden erwartet? Wie hoch ist das Datenvolumen? Welche Wachstumserwartungen gibt es und wie werden Spitzenlasten gehandhabt?
  • Qualitätsanforderungen1: Wie wird die Skalierbarkeit sichergestellt? Welche Performance-Ziele sind zu erreichen? Welche Sicherheitsmaßnahmen sind erforderlich? Wie wird die Verfügbarkeit gewährleistet? Wie flexibel ist das System in Bezug auf Änderungen? Wie einfach ist die Wartung und Testbarkeit des Systems?
  • Strategische Rahmenbedingungen: Welches Budget steht zur Verfügung? Wie schnell muss das System auf den Markt gebracht werden? Welche regulatorischen Vorgaben müssen beachtet werden? Wie wird das System in bestehende Systeme integriert?

Wichtig: Dieser Schritt sorgt dafür, dass alle Beteiligten, einschließlich Projektmanager, Architekten, Entwickler und andere Stakeholder, ein gemeinsames Verständnis der Anforderungen haben.

Wie du die wichtigsten Qualitätskriterien für dein Projekt bestimmst

Nicht alle Anforderungen sind gleich wichtig. Deshalb folgt nach der Erhebung eine Priorisierung: Welche Qualitätsmerkmale sind kritisch für den Projekterfolg?

Beispiele (Wichtig: Priorisierungen sollten quantifiziert werden z. B. auf einer Skala von 1-5 oder in Prozent, damit die Gewichtung messbar und nachvollziehbar ist):

  • Hohe Verfügbarkeit > Performance
  • Geringe Betriebskosten > maximale Flexibilität
  • Schnelle Lieferfähigkeit > perfekte Skalierbarkeit

Solche Gewichtungen machen Entscheidungen objektiver. Wichtig ist dabei, dass jede Gewichtung begründet wird: Warum ist eine Anforderung wichtiger als eine andere? Dies verhindert, dass persönliche Präferenzen oder Trends die Architektur bestimmen.

Warum dein Team die Architektur mitbestimmt

Technische Entscheidungen funktionieren nur im Kontext der Organisation, in der sie umgesetzt werden. Dazu gehören:

  • Aufbauorganisation (z. B. Teamgröße und Struktur)
  • Erfahrung und Skill-Set des Teams (z. B. im Umgang mit Deployment- und Betriebsprozessen)
  • Reife im DevOps-Bereich (z. B. Automatisierungsgrad, CI/CD-Pipeline, Monitoring)
  • Verfügbarkeit von Infrastruktur und Tooling (z. B. Performance, Sicherheit, Wartbarkeit)

Grundsatz: Eine gute Architektur ist nur dann gegeben, wenn das Team sie auch bauen und langfristig pflegen kann.

So triffst du eine fundierte Architekturentscheidung im Softwareprojekt: Architekturkonzepte sinnvoll vergleichen

Im nächsten Schritt werden verschiedene Architekturansätze miteinander verglichen – nicht, weil sie modern sind oder gerade gehypt werden, sondern weil sie messbar besser zu den zuvor priorisierten Anforderungen passen. Der Vergleich wird damit zu einem strukturierten und fundierten Entscheidungsprozess für die Architektur statt zu einer reinen Bauchentscheidung.

Ein effektiver Vergleich basiert auf zwei Säulen: einer kriterienbasierten Bewertung und einer Analyse der Kompromisse (Trade-offs).

1. Die kriterienbasierte Bewertung

Zunächst bewertest du jedes Architekturkonzept anhand derselben, klar definierten Qualitätsanforderungen, die du im vorherigen Schritt erhoben und priorisiert hast. Als Beispiel:

  • Skalierbarkeit: Wächst die Architektur horizontal oder vertikal mit deinen Nutzerzahlen?
  • Kosten: Welche Infrastruktur- und Wartungskosten entstehen kurz- und langfristig?
  • Entwicklungsaufwand: Wie steil ist die Lernkurve für dein Team?
  • Evolutionsfähigkeit: Wie einfach lassen sich später Teile austauschen?

Eine einfache Entscheidungsmatrix hilft hier oft schon weiter, um die Konzepte quantitativ gegenüberzustellen. Bei der Auswahl der Kriterien für eine Entscheidungsmatrix kann das Qualitätsmodell der ISO Norm unterstützen.

2. Der Profi-Check: Die ATAM-Methode2

Um sicherzugehen, dass du keine versteckten Risiken übersiehst, lohnt sich ein Blick auf die ATAM-Methode (Architecture Trade-offs Analysis Method). Sie wurde vom Software Engineering Institute (SEI) entwickelt und gilt als der Goldstandard für die Bewertung von Softwarearchitekturen.

Der Kern von ATAM ist die Erkenntnis, dass es die „perfekte Architektur“ nicht gibt. Jede Entscheidung ist ein Kompromiss. ATAM hilft dir, diese Kompromisse systematisch aufzudecken:

  • Szenario-basiertes Denken: Statt abstrakt über „Performance“ zu diskutieren, nutzt ATAM konkrete Szenarien. Beispiel: „Was passiert im System, wenn sich die Nutzerzahl innerhalb von 10 Minuten verdoppelt?“ oder „Wie verhält sich die Architektur, wenn die Datenbank ausfällt?“
  • Identifikation von Trade-offs: ATAM zeigt dir die Wechselwirkungen auf. Ein Ansatz, der extrem sicher ist (hohe Verschlüsselung), bezahlt dies oft mit Performance-Einbußen (Latenz). Ein System, das extrem schnell entwickelt ist, lässt sich später oft schwerer warten.
  • Risiken und „Sensitivity Points“: Du findest heraus, an welchen Stellen deine Architektur empfindlich reagiert. Das verhindert, dass du „vom Pattern her denkst“ und schützt dich vor bösen Überraschungen im Live-Betrieb.

Fazit des Vergleichs: Statt vorschnell Muster auszuwählen, entsteht durch die Kombination aus Bewertungsmatrix und ATAM-Denkweise eine transparente Entscheidungskette. Du wählst nicht einfach das „beste“ Pattern, sondern dasjenige, dessen Kompromisse für dein spezifisches Projekt am akzeptabelsten sind.

Prototyping: Der Schlüssel zur Risikominimierung

Für zentrale technische Risiken empfiehlt sich ein Prototyp, also eine frühe, vereinfachte Umsetzung eines Systemteils zur Erprobung technischer Ansätze, oder ein Proof-of-Concept, also ein fokussierter Nachweis, dass eine bestimmte Technologie oder Idee grundsätzlich funktioniert. Dabei helfen Fragen wie:

  • Erreicht die Architektur die benötigte Performance?
  • Wie verhält sich das System unter Last?
  • Wie gut gelingt die Integration in bestehende Systeme?
  • Welche betrieblichen Herausforderungen entstehen?

Eine frühe Validierung spart später viel Aufwand und reduziert Fehlentscheidungen.

ADRs: Deine Architekturentscheidungen nachvollziehbar dokumentieren

Beispielhafte Darstellung eines Architecture Decision Records
Beispielhafte Darstellung eines Architecture Decision Records. Quelle: generiert mit AI

Der wichtigste Schritt folgt am Ende: Die Entscheidung muss nachvollziehbar dokumentiert werden. Hier kommen Architecture Decision Records (ADRs)3 ins Spiel.

Ein ADR enthält typischerweise:

  • Kontext: Was war die Ausgangslage?
  • Entscheidung: Was wurde entschieden?
  • Begründung: Warum wurde diese Wahl getroffen?
  • Alternativen: Welche Optionen wurden verworfen und weshalb?
  • Risiken und Konsequenzen: Was bedeutet diese Entscheidung kurz- und langfristig?

ADRs sorgen dafür, dass Entscheidungen auch Monate oder Jahre später nachvollziehbar bleiben – für:

  • Neue Teammitglieder
  • Auditoren
  • Stakeholder
  • Zukünftige Weiterentwicklungen

Sie sind besonders wichtig, weil sich die Architektur, wie Organisation und Teams, kontinuierlich weiterentwickelt: Neue Anforderungen wie sich änderndes Nutzerverhalten, wachsendes Nutzeraufkommen oder veränderte Teamsituationen können Anpassungen notwendig machen. ADRs dokumentieren diesen Weg Schritt für Schritt.

Warum du deine Architektur regelmäßig überprüfen solltest

Architektur ist kein einmaliges Artefakt. Ein gutes System wächst mit seinen funktionalen und qualitativen Anforderungen. Deshalb sollte regelmäßig geprüft werden:

  • Haben sich Lasten oder Nutzerzahlen verändert?
  • Gibt es neue Integrationsanforderungen?
  • Sind die Betriebsrealitäten anders als erwartet?
  • Hat das Team neue Kompetenzen gewonnen oder werden neue Kompetenzen benötigt?

Wichtig: Wenn sich der Kontext ändert, muss auch die Architektur angepasst werden, und die ADRs mit.

Fazit

Die fundierte Wahl der Architektur im Softwareprojekt ist kein Ratespiel und auch keine Frage von Trends. Sie entsteht aus einem strukturierten Prozess:

Darstellung des Prozesses zur Entscheidung der It-Architekturen
Darstellung des Prozesses zur Entscheidung der IT-Architekturen. Quelle: generiert mit AI

1. Verstehen – Projektkontext und funktionale sowie nicht funktionale Anforderungen erfassen
2. Priorisieren – Qualitätsanforderungen gewichten
3. Vergleichen – Architekturkonzepte kriterienbasiert evaluieren (u. a. mittels ATAM)
4. Validieren – Prototypen für Risikominimierung nutzen
5. Entscheiden – Fundierte Wahl treffen und ADR dokumentieren
6. Review – Regelmäßige Überprüfung und Anpassung


Eine nachhaltige Architektur ist die, die messbar zu deinem Projekt, deinem Team und deinen Rahmenbedingungen und Anforderungen passt – und deren Gründe, Fallstricke und Entscheidungen klar dokumentiert sind.
Mit einer klar dokumentierten Architektur bist du für zukünftige Herausforderungen bestens gerüstet. Durch die konsequente Nutzung von Architecture Decision Records bleiben Entscheidungen verständlich, überprüfbar und zukunftsfähig.


FAQs

Wie beginne ich eine Architekturentscheidung sinnvoll?

Mit einem gemeinsamen Verständnis von Zielen, funktionalen Anforderungen, Lastprofilen, Qualitätsanforderungen und Rahmenbedingungen (Budget, Time-to-Market, Regulierung, Integration).

Wie verhindere ich Bauchentscheidungen und Trend-getriebene Architektur?

Indem du Qualitätskriterien priorisierst/gewichtest (messbar) und Architekturansätze per Entscheidungsmatrix sowie Trade-off-Analyse (ATAM, szenariobasiert) vergleichst.

Wann brauche ich Prototyping oder einen Proof-of-Concept?

Wenn zentrale Risiken offen sind: Performance unter Last, Integrationen, Betriebsaufwand/Monitoring oder die Machbarkeit einer Technologie.

Wie mache ich Entscheidungen langfristig nachvollziehbar und anpassbar?

Mit ADRs (Kontext, Entscheidung, Begründung, Alternativen, Risiken/Konsequenzen) und regelmäßigen Reviews, sobald sich Anforderungen, Last oder Team-/Betriebsrealität ändern.

Dieser Beitrag wurde gemeinsam von Luca Schwarz und Maximilian Eberle geschrieben.

Maximilian Eberle

Über MICH

Seit 2017 ist Maximilian Eberle als Solution Architect bei doubleSlash tätig. Er hat einen Bachelor in Software Produktmanagement und einen Master in Digitale Systeme von der Hochschule Furtwangen. In seiner Rolle als IT Solution Architect arbeitet er an der Entwicklung maßgeschneiderter Softwarelösungen und begleitet den gesamten Prozess bis zur technischen Umsetzung.

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